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15.07.2010 - 15:24 Uhr
 

"Tu Gutes – kauf ein!"

Das Gebrauchtwarenhaus im Westend eröffnet Langzeitarbeitslosen eine Chance

Münchner Wochenanzeiger : Eröffneten das Gebrauchtwarenhaus im Westend (v.l.): Wolfgang Obermair, Johanna Schilling, Friederike Steinberger, Sabine Nowack und Anneliese Durst. (Foto: tg)
 
Eröffneten das Gebrauchtwarenhaus im Westend (v.l.): Wolfgang Obermair, Johanna Schilling, Friederike Steinberger, Sabine Nowack und Anneliese Durst. (Foto: tg)

„Wenn du recht schwer betrübt bist, dass du meinst, kein Mensch auf der Welt könnte dich trösten, so tue jemand etwas Gutes, und gleich wird's besser.” Diese Erkenntnis des österreichischen Schriftstellers Peter Rosegger haben sich in München einige Leute zu Herzen genommen. Sie selbst wollten etwas tun und damit andere dazu verleiten, ebenfalls tätig zu werden. Der Vorsatz führte zu einem Projekt, das unter dem Motto „Tu Gutes – kauf ein!” stehen könnte. Genau das macht das Gebrauchtwarenhaus möglich. Dessen Kunden unterstützen durch ihren Einkauf Menschen mit Handicaps. Denen bietet es Arbeit und die Gelegenheit, sich zu qualifizieren.

Eines von drei Kaufhäusern dieser Sorte steht an der Landsberger Straße. Ursprünglich hatte es seinen Sitz im Pasinger Teil, jetzt ist es ins Westend, in die Landsberger Straße 146, umgezogen. Auf einer ansprechenden Verkaufsfläche von rund 1000 Quadratmetern, die sich über zwei Etagen erstreckt, gibt es alles, was der Mensch so braucht. Aus zweiter Hand! Einrichtungs- und Haushaltsgegenstände, Elektrowaren, Möbel, Bücher und Textilien. Das gesamte Angebot besteht aus Spenden oder stammt aus aufgelösten Wohnungen. „Zu unseren Kunden zählen Menschen mit schmalem Geldbeutel. Aber auch Liebhaber individueller Einrichtungsgegenstände kaufen gerne bei uns ein”, beschreibt Johanna Schilling, das, was der „Weiße Rabe” feil bietet. Sie ist Geschäftsführerin der Weißer Raabe GmbH, ein Integrations- und Beschäftigungsunternehmen der Caritas.

Obwohl das Kaufhaus im Rückgebäude der Landsberger Straße schon seit Januar Waren anbietet, ist es erst jetzt offiziell eröffnet worden. Dazu hatten sich auch Förderer und Partner des Unternehmens eingefunden: Wolfgang Obermair, Vorstand des Caritasverbandes der Erzdiözese München-Freising, Friederike Steinberger, stellvertretende Bezirkstagspräsidentin des Bezirks Oberbayern, Sabine Nowack, Leiterin des Sozialbürgerhauses Pasing und Anneliese Durst, Leiterin des Fachbereichs Kommunale Beschäftigungspolitik und Qualifizierung des städtischen Referats für Arbeit und Wirtschaft.

Zeichen gegen die Wegwerfgesellschaft

„Ein Gebrauchtwarenhaus stiftet Nutzen für alle, die hier einkaufen: Gebrauchte und dennoch nützliche Dinge landen nicht auf dem Müll, sie finden einen neuen Besitzer und das zu vernünftigen Preisen.“ Wolfgang Obermair unterstreicht, dass die Caritas mit dem Gebrauchtwarenhaus ein wichtiges Zeichen gegen die Wegwerfgesellschaft setze. Überdies biete das Haus, für alle, die dort arbeiteten, einen ganz besonderen Nutzen. Obermair: „Menschen, die auf dem normalen Arbeitsmarkt geringe Chancen haben, können sich bei uns einbringen, etwas beitragen, sich qualifizieren.” Zwei Ziele mit einem Schritt zu erreichen, sei der Caritas bei den Betrieben des „Weißen Raben” und beim Gebrauchtwarenhaus sehr wichtig.

In München und Rosenheim seien zurzeit rund 500 Menschen in 15 Betrieben und Projekten dieser Art beschäftigt. Die Integrationsbetriebe zu unterstützen, sei ein Anliegen der bayerischen Bezirke, betonte Friedericke Steinberger, die Vertreterin des Sozialhilfeträgers. Und: „Mit Hilfe des Arbeitsmarktprogramms unterstützt der Bezirk Oberbayern 22 Integrationsbetriebe, davon viele in der Stadt München. Einer dieser Betriebe ist der Weiße Rabe.“

Sabine Nowack übergab das Gebrauchtwarenhaus der Sozialregion Pasing als „Patin“ an die der Bezirke Laim/Schwanthalerhöhe. Sie warb um Verständnis für die Menschen, die durch Krankheit oder Schicksalsschläge ihren Arbeitsplatz verloren haben. „Ich erkenne darin das Paradoxon 'Weißer Rabe'. Viele von ihnen wollen arbeiten, finden aber keinen Arbeitsplatz.“ Das Gebrauchwarenhaus gebe solchen Langzeitarbeitslosen eine Perspektive. Es helfe ihnen, schwierige Lebenslagen zu bewältigen. Anneliese Durst vom Fachbereich Kommunale Beschäftigungspolitik versicherte, die Stadt wolle ihr Beschäftigungs- und Qualifizierungsprogramm trotz gravierender Sparmaßnahmen fortsetzen. Das Referat für Arbeit und Wirtschaft fördere es mit 28 Millionen Euro. Durst versicherte, München werde gerade die Zielgruppen im Auge behalten, die von der ARGE für Beschäftigung nicht oder nur unzureichend erreicht werden.

Beschäftigungs- und Qualifi zierungsangebote

50 bis 60 Mitarbeiter beschäftigt das Gebrauchtwarenhaus. Für 16 bisher arbeitslose Menschen mit Handicap – das ist oft eine psychische Erkrankung – hat das Haus unterschiedliche Angebote, sich zu qualifizieren. Johanna Schilling, Chefin der Weißer Raabe GmbH: „Das umfasst die Bereiche Verkauf, Logistik, Lagerhaltung, Wertstofftrennung, Reparaturen und Verwaltung.“ Das steigere die Chancen, die berufliche Integration gelingen zu lassen.

Ralph Klaas, ehemaliger Sportartikelverkäufer, hatte Glück. Er ist vor zweieinhalb Jahren zum „Weißen Raben“ gekommen. „Ich mache alles, was anfällt, Verkauf, Disposition, Lager, Pflege der Räume.” Seinen vorherigen Job verlor er wegen der schlechten Wirtschaftslage und weil er krank geworden war. Danach machte er so ziemlich alles: „Ich habe Steine geschleppt, Löcher gegraben, Toiletten geputzt.“ Der 39-jährige wünscht sich, auf Dauer im Gebrauchtwarenhaus arbeiten zu können. Johanna Schilling ist sich sicher, dass das neue Angebot im Westend das Viertel bereichern und aufwerten wird.

 
Artikelinfo
Ausgabe: Werbe-Spiegel
München
Woche: 29 - 2010
Autor: TG

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