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20.04.2010 - 09:20 Uhr
 

Im Aufzug stecken geblieben

"Stadtteilcheck": Barrieren am U-Bahnhof Laimer Platz

Münchner Wochenanzeiger : Beim Laimer Stadtteilcheck versetzten sich Kinder in die Rolle Behinderter, um das Viertel auf „Herz und Rampen“ zu prüfen. Begleitet wurden sie vom blinden Helmut Längl und dem gehbehinderten Thomas Schmidt, von Projektmitarbeitern sowie von Mitgliedern des Laimer BA. (Foto: TG)
 
Beim Laimer Stadtteilcheck versetzten sich Kinder in die Rolle Behinderter, um das Viertel auf „Herz und Rampen“ zu prüfen. Begleitet wurden sie vom blinden Helmut Längl und dem gehbehinderten Thomas Schmidt, von Projektmitarbeitern sowie von Mitgliedern des Laimer BA. (Foto: TG)

Ausgerechnet beim Stadtteil-Check „Auf Herz und Rampen prüfen“ des Münchner Kreisjugendrings geschah in Laim das, was Behinderten oft passiert: Die Teilnehmer stießen an Barrieren und kamen nicht weiter. Sieben Kinder des Jugendzentrums Laim im Alter von sechs bis dreizehn Jahren testeten am Nachmittag des vorigen Freitag gemeinsam mit Erwachsenen als „Behinderte“ ihr Viertel auf Barrierefreiheit. Im Rollstuhl, mit Augenbinde und Blindenstock erfuhren sie, mit welchen Widrigkeiten Behinderte zu kämpfen haben. Beispiel: Der U-Bahnhof Laimer Platz. Dort hatten sich Helmut Längl, der blind ist und Thomas Schmidt, der im Rollstuhl sitzt sowie Lisbeth Haas (Grüne), Stefanie Junggunst (SPD) und Doris Lindner (FDP), alle drei sind Mitglieder des Laimer BA, sowie die Leiterin des Projekts, Marie-Luise Hess und die Leiterin des Jugendzentrums Alexandra Krohn, versammelt.

Die Gruppe ließ sich von Längl erklären, wie Leitstreifen an Bahnsteinkanten benutzt werden. Danach wollten alle mit dem Lift vom Bahnsteig nach oben fahren. Der hatte zuvor funktioniert. Doch nun blieb er stecken und war nicht mehr zu benutzen. Das hieß: Thomas Schmidt musste sich mit Krücken mühsam die Treppe hochkämpfen. Der Rollstuhl wurde ihm nachgetragen. Dazu erklärte Marie-Luise Hess: „Thomas Schmidt war das möglich. Viele andere Rollstuhlfahrer wissen in solcher Situation nicht mehr weiter.“ Die Projektleiterin hat erfahren, dass es derartige Probleme nicht nur in Laim gibt: „Leider machen viele Rollstuhlfahrerinnen und Rollstuhlfahrer allzu oft die Erfahrung, dass die Lifts an U- und S-Bahnhöfen nicht funktionieren und dass die Reparatur lange, häufig sogar einige Tage bis Wochen auf sich warten lässt.“

„Ist Laim behindertenfreundlich?“

„Blind sein ist voll doof.“ Marcus (13) hatte Augenbinde und Simulationsbrille – sie vermindert die Sehfähigkeit auf zehn Prozent – ausprobiert und war geschockt. Julians Kommentar, nachdem er „blind“ mit Hilfe eines Stocks ein Stück auf dem Gehweg der Gotthardstraße gegangen war: „Das ist komisch.“ Im Rollstuhlfahren war Marcus nicht zu schlagen. Als ob er nichts anderes mache, drehte er Pirouetten und beherrschte das Lenken des Gefährts wie ein Behinderter. Die Erklärung: „Als ich im Krankenhaus war, habe ich das schon gelernt.“ Durch eine Reihe von Tests, wollten die Kinder herausfinden, ob Laim behindertenfreundlich ist. Sie probierten aus, ob die Zeitungskästen gut zu erreichen sind, versuchten einen Brief in den Briefkasten einzuwerfen, betätigten den Türöffner an der Bank und kauften im Supermarkt ein. Das klappte gut. Nur ein Altkleidercontainer war für die Kinder im Rollstuhl nicht zu erreichen. Von Marie-Luise Hess begleitet, gelang es Felix als „Blindem“ bei der Post Briefmarken zu kaufen und mit Hilfe von Helmut Längl danach das Wechselgeld zu erkennen. Münzen identifizieren Blinde durch das Befühlen des Randes, Scheine mit Hilfe eines Geldscheinprüfers. Längl nennt ihn „Cash-Tester“.

„Ampelanlage nachrüsten“

Fazit des Checks: Laim ist noch nicht überall barrierefrei. Die Ampelanlage an der Kreuzung Fürstenrieder- und Gotthardstraße ist für Blinde gefährlich. Sie ist nicht mit einem „taktil-akustischen Signal” ausgestattet! Dazu Marie-Luise Hess: „Weil diese Kreuzung sehr stark befahren ist, ist es absolut notwendig sie nachzurüsten.“ Ebenso müsse die Anlage den Bedürfnissen von Kindern, Menschen mit Gehbehinderungen und älteren Leuten angepasst werden. Die könnten die Fahrbahn nur sehr langsam überqueren. Zurzeit sei die Ampelanlage so knapp eingestellt, dass innerhalb einer Grünphase der Weg von einer Seite bis zur Verkehrsinsel nicht immer zurückgelegt werden könne.

Eine weitere Schwachstelle ist, das hat der Test ergeben, dass an der Kreuzung Fürstenrieder- und Gotthartstraße die Bordsteine auf weniger als drei Zentimeter abgesenkt worden sind. Hess: „Damit Blinde und stark Sehbeeinträchtigte mit dem Blindenlangstock den Unterschied zwischen Gehweg und Fahrbahn ertasten können, sind drei Zentimeter nötig.“ Die Bordsteine müssten dementsprechend angepasst werden. Ein entsprechender Bericht, so die Projektleiterin, werde auch ans Laimer Lokalparlament gehen. Das Ergebnis des Stadtteilchecks wird als Dokumentation bei der im Mai stattfindenden Stadtteilwoche auch den Laimern präsentiert werden.

 
Artikelinfo
Ausgabe: Werbe-Spiegel
Laim
Woche: 16 - 2010
Autor: TG

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