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06.08.2010 - 14:57 Uhr
 

„Trinken ist gesellschaftsfähig und cool“

Interview mit Beatriz Parente und Thomas Teni vom MKT Rettungsdienst

Münchner Wochenanzeiger :  Beatriz Parente und Thomas Teni von MKT Krankentransporte (Foto: pi)
 
Beatriz Parente und Thomas Teni von MKT Krankentransporte (Foto: pi)

Wir haben mit der Pressesprecherin der MKT Krankentransporte, Beatriz Parente, und Rettungsassistent Thomas Teni über das Thema „Trinken bis zum Abwinken- Komasaufen bei Jugendlichen“ gesprochen. Das Wachgebiet der Rettungswache am Deutschen Herzzentrum erstreckt sich über den Münchner Hauptbahnhof, Schwabing, die Donnersberger Brücke bis hin nach Neuhausen und Moosach. In dieses Gebiet fallen viele Diskotheken, Bars und Kneipen, die in diesem Zusammenhang die Haupteinsatzgebiete sind - auch während des Oktoberfestes und anderer Volksfeste.

Welche Erfahrungen haben Sie mit dem Thema Alkohol bei Jugendlichen gemacht?

Beatriz Parente: Einsätze mit Betrunkenen gibt es eigentlich an jedem Tag zu jeder Zeit. Die Samstagnacht-Einsätze für die Kollegen der MKT-Rettungswache am Deutschen Herzzentrum bestehen jedoch zu einem großen Teil aus Notfällen wegen erhöhten Alkoholkonsums. Häufig sind leider auch jugendliche Patienten darunter. Eines kann man vorweg sagen: getrunken wurde schon immer. Doch immer häufiger muss der Rettungsdienst hinzugezogen werden, manchmal auch der Notarzt. Während es früher selbstverständlich war, dass man sich um die betrunkenen Freunde gekümmert hat, kommt es heutzutage immer häufiger vor, dass Betrunkene, zum Teil sogar bewusstlos, alleine gelassen werden.

Thomas Teni: Wir hatten einen besonders erschreckenden Einsatz mit einer jungen Frau, die von ihrer eigenen Freundin auf der Straße im Regen bewusstlos liegen gelassen wurde. Die Patientin ist von der Polizei vor der Diskothek aufgefunden worden. Die sogenannte Freundin hatte ihr das Geld aus der Tasche gezogen und ist mit ihrem Geld weiterfeiern gegangen.

Das Problem ist also schlimmer geworden. Welche Gründe gibt es hierfür?

Parente: Der Grund für die Zunahme der Einsätze mit Jugendlichen könnte an der erhöhten Häufigkeit des Konsums oder an der höheren Menge des verzehrten Alkohols liegen. Flatrate-Sauf-Parties oder das sogenannte „Vorglühen“ weisen auf eine derartige Entwicklung hin. Aber auch die Rolle des Alkohols ist eine andere. Trinken ist gesellschaftsfähig und „cool“. Wer nicht trinkt, gehört nicht dazu und wer am betrunkensten ist, ist der Coolste. Ein Problem, das sich leider nicht mit Verboten verhindern lässt, schließlich gibt es auch Mutproben, die genau diesen Inhalt haben: Wer ohne es zu dürfen Alkohol bekommt und am meisten trinkt, hat gewonnen. Viele Kinderkliniken erheben gar nicht mehr den Promille-Wert, denn das wäre wieder ein Ansporn für die Jugendlichen. „Was, du hattest zwei Promille, das werd ich nächstes Wochenende überbieten... “ Gefährlich ist es auch, wenn die Kids schon früh an Alkohol rankommen.

Teni: Meine jüngste Patientin war 13 Jahre alt und die konnte ohne Probleme im Supermarkt eine Flasche Wodka kaufen und in der Öffentlichkeit konsumieren.

Inzwischen trinken auch sehr viele Mädchen übermäßig viel. Wie schätzen Sie dieses Problem ein?

Teni: Das ist richtig. Weihnachten 2009 haben wir nachts nur betrunkene junge Frauen transportiert.

Parente: Gravierender ist aber die Tatsache, dass viele Einsätze mit betrunkenen Mädchen daher kommen, dass diese zum einen zu viel trinken, zum anderen aber viel zu wenig essen. Der Alkohol wird also auf nüchternem Magen eingenommen. Viele, ob Mädchen oder Junge, machen das aber auch vorsätzlich, dann wird der Rausch billiger. Die Langzeitfolgen vergessen die meisten dabei, oder sie sind sich dessen gar nicht bewusst: Bluthochdruck, Diabetes, erhöhtes Verletzungsrisiko, Blutgerinnungsstörungen, Entzugskrampfanfälle, Magengeschwüre mit den daraus resultierenden Blutungen. In England, zum Beispiel, haben die Mädchen den Jungs was das Betrunken sein betrifft schon den Rang abgelaufen.

Sind die alkoholisierten Jugendlichen oft aggressiv?

Parente: Diese Tendenz ist festzustellen. Die Aggressivität der alkoholisierten Patienten, auch der jüngeren, gegenüber dem Rettungsdienst hat zugenommen. Mädchen sind dann übrigens genauso respektlos und aggressiv wie ihre männlichen Trinkkumpanenen.

Teni: Wir mussten schon Beiß- und Spuckattacken abwehren, Flaschen ausweichen und Patienten jeden Alters im Rahmen des Eigenschutzes am Boden fixieren bevor die Polizei eintraf. Schwierig wird es, wenn andere Betrunkene daherkommen und uns dann beschimpfen, weil man soll den armen Mann in Ruhe lassen soll, der ist doch nur betrunken. Dieser Freifahrtschein erschwert uns unsere Arbeit. Besonders erschreckend sind solche Einsätze, bei denen sich Jugendliche bis zur Besinnungslosigkeit betrinken und wir zur Hilfe hinzugeholt werden, letztlich aber daran gehindert werden, den Patienten zur Abklärung und weiteren Behandlung ins Krankenhaus zu fahren. Es kam schon so weit, dass die Polizei einschreiten musste.

Parente: Zwar wird die Polizei bei Einsätzen die Minderjährige betreffen, grundsätzlich hinzugezogen, ein Eingreifen ist aber nur bei besonders aggressiven Jugendlichen erforderlich.

Teni: Schlimm ist auch, wenn der Rettungsdienst gerufen wird und am Einsatzort der vollkommen orientierungslose betrunkene Jugendliche alleine gelassen wurde, weil seine Freunde Angst vor den Konsequenzen haben. Oft finden die sogenannten Freunde es einfach lustig und cool, wenn der bewusstlose, betrunkene Kumpel vollgekotzt und mit voller Hose irgendwo im Gebüsch liegt. Wir hatten einen Fall, bei dem der Patient in diesem Zustand vorgefunden wurde. Auf seiner Stirn stand mit Lippenstift geschrieben: Opfer.

In welchem Alter sind die Jugendlichen, die der MKT betreuen muss?

Parente: Häufig sind Einsätze bei Jugendlichen zwischen 17 und 19 Jahren, entweder in den Diskotheken oder auch schon mal auf offener Straße. Fälle von jüngeren Patienten kommen aber auch immer häufiger vor. Die Eltern wissen oft auch Bescheid. Zitat einer Mutter gegenüber einem Polizisten: „Ach lassen sie ihn doch ein bisschen Spaß haben“. Ihr 15-jähriger Sohn war bewusstlos aufgefunden worden.

Teni: Als wir vor einiger Zeit einen 14-jährigen Patienten in die Klinik fahren mussten, stellte sich uns das Problem, dass der Patient, der vom Alter her in eine Kinderklinik gehören würde, dort nicht aufgenommen werden konnte, da er aufgrund seines Pegels intensiv betreut werden musste und auch noch gegenüber dem Klinikpersonal nicht kooperativ war. Diese Kombination ist in der Tat äußerst schwierig zu handhaben. Der Vater des Jugendlichen war übrigens selbst so betrunken gewesen, dass er nicht in der Lage war seinen Sohn abzuholen. Die geschiedene Mutter musste um 1 Uhr von weiter her anreisen, um den Sohn zu holen.

Parente: Das Problem mit den aggressiven Jugendlichen haben dann die Krankenhäuser, wenn die Kids wieder nüchterner werden und abhauen möchten. Der Beliebtheitsgrad des Rettungsdienstes in den Krankenhäusern sinkt auch zunehmend, weil immer mehr Betrunkene transportiert werden müssen.

 
Artikelinfo
Ausgabe: Werbe-Spiegel
München
Woche: 32 - 2010
Autor: red
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