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08.06.2010 - 13:08 Uhr
 

Zu viele junge Menschen werden abgeschrieben

Forderung nach tiefgreifende Veränderungen für Schulen und Ausbildungsmärkte

Münchner Wochenanzeiger : Aus Sicht von BLLV-Präsident Klaus Wenzels müssten Schulabschlüsse, Lerninhalte und Schulstrukturen kritisch hinterfragt werden. (Foto: DieterSchütz / pixelio.de)
 
Aus Sicht von BLLV-Präsident Klaus Wenzels müssten Schulabschlüsse, Lerninhalte und Schulstrukturen kritisch hinterfragt werden. (Foto: DieterSchütz / pixelio.de)

Schulische Abschlüsse und berufliche Ansprüche klaffen immer weiter auseinander. Fast eine halbe Million junger Menschen münden Jahr für Jahr in Übergangssystemen. Das sind fast genauso viele, die jedes Jahr eine betriebliche Ausbildung beginnen. „Wir müssen viel mehr tun, um jungen Menschen eine Ausbildung zu verschaffen, die ihnen echte Chancen auf dem Arbeitsmarkt bietet“, betonte die Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB), Prof. Dr. Jutta Allmendinger, im Vorfeld einer Expertenanhörung des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV). Allmendinger, WZB -Expertin Prof. Dr. Heike Solga und BLLV- Präsident Klaus Wenzel forderten daher tiefgreifende Veränderungen am Ausbildungsmarkt, an den Schulen und in der frühkindlichen Förderung.

„Wenn wir Bildung, Ausbildung und Arbeit insgesamt betrachten, sehen wir, dass Förderung und Unterstützung ganz früh anzusetzen ist“, sagte Allmendinger. „Nur so haben Kinder aus ärmeren Verhältnissen eine realistische Chance.“ Die frühkindliche Bildung müsse massiv ausgebaut und gestärkt werden, unterstreicht auch Wenzel diesen Gedanken. „Unterstützung brauchen aber nicht nur die Institutionen, sondern auch die Familien: Viele Eltern wissen heute nicht mehr, was ihre Kinder an Zuneigung, Aufmerksamkeit und Anregungen benötigen.“

„Hauptschüler sind besser als ihr Ruf“

In Bayern, einem Bundesland, das nach BLLV-Ansicht krampfhaft am gegliederten Schulwesen festhalte, würden vielfach Lernumwelten geschaffen, in denen Stimulationen und Anregungen durch leistungsstarke Schülerinnen und Schüler fehlten. „Das gilt insbesondere für die Hauptschulen“, so der BLLV-Präsident. Die Schulart sei viel zu lange personell und finanziell im Stich gelassen worden. Bis heute gebe es kein Konzept, das zu einer echten Gleichwertigkeit aller weiterführenden Schulen führe. Die Lehrerinnen und Lehrer leisteten zwar außergewöhnliche Arbeit – „in vielen Fällen landen Hauptschulabgänger aber in der Arbeitslosigkeit, vor allem dann, wenn die Heranwachsenden keinen Schulabschluss schaffen.“ Im Jahr 2008 waren das bei allen Schulabgängern in Bayern noch über 9000 Jugendliche – 6,5 Prozent der gleichaltrigen Jugendlichen. Ihre Zahl konnte bislang nur geringfügig gesenkt werden. Aber auch ein erfolgreicher Hauptschulabschluss garantiert noch keinen Ausbildungsplatz. Wenzel: „Ein viel zu großer Anteil junger Menschen findet sich in Übergangsystemen wieder.“ Solga ergänzte: „Hauptschüler sind besser als ihr Ruf, doch oft bekommen sie keine Chance mehr, dies auch zeigen zu können.“

Aus Sicht Wenzels müssten nicht nur Schulabschlüsse, Lerninhalte und Schulstrukturen kritisch hinterfragt werden, sondern auch die Systeme moderner Arbeitswelten an sich: „Die Hauptaufgabe von Schule darf nicht sein, ausschließlich die Bedürfnisse der modernen Wirtschaft zu befriedigen. Der Auftrag, den Schule hat, muss umfassender und ganzheitlicher sein. Junge Menschen müssen befähigt werden, die gewaltigen ökologischen und ökonomischen Herausforderungen lösen zu können, zumal viele von ihnen mit Sorge beobachten, dass sich die Anforderungen der modernen Berufswelt immer weiter von menschlichen Grundbedürfnissen entfernen“, so Wenzel. „Für den BLLV sind das die entscheidenden Parameter für alle weiteren Überlegungen.“

 
Artikelinfo
Ausgabe: Werbe-Spiegel
München
Woche: 23 - 2010
Autor: SB
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