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28.06.2010 - 13:16 Uhr
 

Treffpunkt vieler Nationalitäten

Schüler aus München und Lyon entdecken gemeinsam die unterschiedlichen Kulturen ihrer Heimatstädte

Münchner Wochenanzeiger : Die Schülerinnen und Schüler des AWG in Lyon. (Foto: privat)
 
Die Schülerinnen und Schüler des AWG in Lyon. (Foto: privat)
Münchner Wochenanzeiger : Die Auswertung der Interviews nahm einige Zeit in Anspruch. (Foto: privat)
 
Die Auswertung der Interviews nahm einige Zeit in Anspruch. (Foto: privat)

Wie schon im vergangenen Jahr veröffentlichen wir auch heuer wieder einen Bericht von Schülerinnen und Schülern des Adolf-Weber-Gymnasiums, die im Rahmen eines deutsch-französischen Austauschprojekts zu einem europäischen Thema recherchiert haben. Das Projekt wird vom deutsch-französischen Jugendwerk gefördert unter der Bedingung, dass die Recherche in einer Publikation in einer lokalen Zeitung gipfelt. Dazu sind wir gerne bereit. Hier der Artikel der Jugendlichen:

Wir, eine Gruppe von 23 Schülerinnen und Schülern der 8. Klassen des Adolf-Weber-Gymnasiums in München/Neuhausen, haben im Rahmen eines Schüleraustauschs mit unserer Partnerschule in Lyon an einem Wettbewerb des Deutsch-Französischen Jugendwerks teilgenommen: Jugend schreibt Europa – Les jeunes écrivent l´Europe. Wir hatten uns das Thema „München und Lyon als Heimat verschiedener Kulturen“ überlegt. Zusammen mit unseren französischen Austauschpartnern wollten wir herausfinden, wie die Menschen, die aus anderen Ländern zu uns nach München oder nach Lyon gekommen sind, unsere jeweilige Heimatstadt sehen und wie sie ihre eigene Kultur hier leben.

Zuerst kamen die französischen Austauschpartner zu uns nach München. Wir haben in Gruppen zu je vier Schülern Fragebögen entworfen, die wir dann an Leute aus vielen verschiedenen Ländern verteilt haben. Die meisten Menschen haben wir über persönliche Kontakte angesprochen. In den Fragebögen wollten wir z.B. wissen, seit wann die betreffenden Personen in München leben, ob sie Kontakte zu anderen Landsleuten haben, was ihnen in München gefällt, was sie hier vermissen oder welche Sprache sie zuhause sprechen. Wir haben Antworten bekommen von Menschen aus Frankreich, der Türkei, Polen, der Ukraine, Spanien, Italien und Ungarn. Stellvertretend für viele möchten wir hier die Antworten der befragten Franzosen zusammenfassen:

„Die Franzosen, die wir befragt haben, sind meistens als Erwachsene und aus beruflichen Gründen nach München gekommen. Es gibt eine aktive französische Gemeinde in München, mit zwei Vereinen, „ADFM“ und „Munich. Accueil“, die kulturelle Aktivitäten anbieten und bei der Integration helfen. Die Franzosen haben meist keine Integrationsprobleme. In der Familie sprechen die meisten Französisch, die Kinder sind zweisprachig und besuchen meist einen deutschen Kindergarten (womit die französischen Eltern unterschiedlich zufrieden waren – manche hätten sich mehr Aktivitäten gewünscht). Einige Kinder besuchen danach das französische Gymnasium Jean Renoir. Die Lebensgewohnheiten haben sich dem deutschen Alltag angepasst (z.B. unterschiedliche Essenszeiten), aber die meisten kochen noch die französischen Gerichte, was inzwischen kein Problem mehr ist, da man fast alle Zutaten in München kaufen kann. Trotzdem steht bei der Frage, was Franzosen in München vermissen, das französische Essen an erster Stelle, gefolgt von klimatischen Gegebenheiten (Sonne, Wärme, Meer). An München lieben sie besonders das internationale Flair, die Biergärten, die Radfahrwege, die Sicherheit, die kulturellen Angebote, die nahen Berge; kritisiert werden z.B. die hohen Mieten. Auf die Frage, was man zur Verbesserung der Integration tun könnte, wird ein höheres Angebot an preiswerten Deutschkursen und die verbesserte wechselseitige Anerkennung von Berufsqualifikationen genannt.“ ( ausgewertet von Marie, Luisa, Julian, Quentin)

Recherche in Lyon

In Lyon haben wir ähnliche Fragen – diesmal in französischer Sprache - direkt dem Konsul des jeweiligen Landes stellen können. Denn unsere französische Partnerschule hatte für uns Besuchstermine in zwölf Konsulaten vereinbart, und so konnten wir sozusagen offiziell etwas über die Situation der Deutschen, Schweden, Türken, Polen, Spanier, Portugiesen, Schweizer, Belgier, Italiener, Engländer, Senegalesen und Marokkaner in Lyon erfahren. Dabei hat sich ergeben, dass die Situation der jeweiligen Einwanderergruppe in Deutschland und Frankreich sehr ähnlich ist. So haben wir z.B. vom türkischen Konsul erfahren:

„In Lyon leben etwa 20.000 Türken, unter ihnen etwa 700 Studenten und etwa 30 Geschäftsleute. Etwa die Hälfte von ihnen hat die doppelte – französisch-türkische – Staatsbürgerschaft. Die meisten von ihnen sind vor mehreren Generationen schon gekommen, weil die französische Regierung Arbeitskräfte angefordert hatte. Die erste Generation hatte Integrationsprobleme, weil es zu wenig Sprachkurse gab. Aber die nachfolgenden Generationen haben sich gut integriert, da die Kinder französische Schulen besucht haben. Daneben können die Kinder aber auch zweimal pro Woche einen Türkischunterricht im Anschluss an die französische Schule besuchen. Dafür stehen etwa 50 Türkischlehrer zur Verfügung. Auch über türkische Fernsehprogramme wird der Kontakt zur türkischen Sprache und Kultur gefördert. Es gibt auch türkische Fußballvereine. Einmal im Jahr, am 23. April, treffen sich die Lyoner Türken zum türkischen Kinderfest. Die Türken in Lyon können in türkischen Supermärkten ihre gewohnten Lebensmittel kaufen. Bis auf kleinere Kebabläden gibt es aber keine türkischen Restaurants. Insgesamt fühlen sich die Türken in Lyon und mit der französischen Mentalität sehr wohl.“ (ausgewertet von Dimitri, Andreas, Axel, Bruno)

Durch die vielen Interviews und Konsulatsbesuche haben wir erfahren, wie vielfältig das multikulturelle Leben in München und Lyon ist. Für uns war dieser Schüleraustausch deshalb nicht nur eine Begegnung mit unserem französischen Nachbarn, sondern auch eine Gelegenheit, das Zusammenwachsen Europas direkt zu erfahren.

(Für die Schüler und Schülerinnen der 8b/c: Tobias Kuhn und Fabian Feichtinger)

 
Artikelinfo
Ausgabe: Werbe-Spiegel
Neuhausen/Lyon
Woche: 26 - 2010
Autor: red
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