| Ausgabe: | SamstagsBlatt München |
| Woche: | 08 - 2011 |
| Autor: | RP |
2010 blieben etwa 1000 Lehrstellen in München und dem Umland unbesetzt. Betriebe haben große Probleme, ihre Stellen mit einheimischen Bewerbern zu besetzen. Fallen manche wegen unzulänglicher Schulbildung von Anfang an durch das Raster, sind es auf der anderen Seite zu wenig geeignete Anwärter, um alle Ausbildungsplätze zu belegen. Insbesondere Branchen, die oft erst auf den zweiten Blick für Jugendliche attraktiv sind, wie etwa die Gastronomie, der Einzelhandel oder das Handwerk, klagen über fehlenden Nachwuchs. Die heimische Wirtschaft ist deshalb zwingend auf junge Bewerber angewiesen, die von außerhalb nach München kommen.
Doch die werden immer weniger. Die jüngst vom Referat für Arbeit und Wirtschaft München vorgestellte Studie "Ausbildung und Leben in München 2010" belegt, dass die Zahl der Bewerber, die von außerhalb Oberbayerns zur Berufsausbildung nach München kommen, drastisch eingebrochen ist. Bereits 2001 hat das Referat erstmals so eine Studie erhoben, für die es zugezogene Auszubildende an den Berufsschulen Fragebögen ausfüllen ließ. Stellt man nun beide Befragungen gegenüber, zeigt sich eine deutliche Zahl: Gegenüber dem Jahr 2001 befinden sich im Jahr 2010 ganze 80 Prozent weniger Jugendliche aus den neuen Bundesländern unter den Befragten. Besonders stark ist der Rückgang der aus Sachsen stammenden Berufsanfänger (87 Prozent).
Ein Indiz für die sinkende Zahl an Bewerbern ist der Geburtenrückgang in den neuen Bundesländern. Geändert hat sich auch das Alter der Berufsanfänger: Kamen die Jugendlichen aus dem Osten 2001 nahtlos nach Verlassen der Schule zur Ausbildung nach München, liegt das Durchschnittsalter der jungen Aspiranten 2010 bei 19,55 Jahren. Das höhere Schulabschlussniveau (Abitur oder Fachabitur) ist nicht allein der Grund für das gestiegene Eintrittsalter. Einige Jugendliche absolvieren zuerst im heimischen Bundesland eine Ausbildung und kommen dann im Anschluss mangels eines Arbeitsplatzes nach München. Eine zweite Ausbildung wird in Kauf genommen. Auch nimmt die Zahl der Berufsanfänger zu, die etliche Zwischenstationen absolvieren muss, bevor sie eine Lehrstelle findet oder antreten kann. Ob durch Gelegenheitsjobs, Arbeitslosigkeit oder staatlich auferlegte Weiterbildungsmaßnahmen – bei manchem Jugendlichen summiert sich diese "Ausbildungswarteschleife" auf bis zu 20 Monate. 2001 kamen die meisten noch deshalb in die Landeshauptstadt, weil sie in ihrer Heimat keine Ausbildungsstelle fanden (67 Prozent); heute betrifft dies nur noch 35 Prozent der Jugendlichen.
Geändert hat sich auch die Dauer des Aufenthaltes. Gerade Bewerber aus den neuen Bundesländern greifen bevorzugt auf Lehrstellen im Hotel- und Gaststättengewerbe zu. München hat eine illustre Zahl an 5-Sterne-Häusern zu bieten. Ein Ausbildungsplatz in Traditionsunternehmen wie dem Hotel "Bayerischer Hof" oder "Vier Jahreszeiten" ist begehrt. Blieben die Jugendlichen 2001 eher ihrem Ausbildungsunternehmen im Nachhinein als Mitarbeiter erhalten, strebten 2010 immer mehr im Anschluss einen Auslandsaufenthalt an oder zogen in andere Bundesländer um. Ein Grund dafür sind unter anderem die exorbitant hohen Lebenshaltungskosten in München, die dem Azubi zusätzlich das Leben erschweren. Zwar können Jugendliche oft auf eine Ausbildungsbeihilfe vom Staat zurückgreifen, in (noch) bezahlbaren Wohnheimen unterkommen oder gar, was immer öfter von Ausbildungsbetrieben angeboten wird, ein Zimmer im Lehrbetrieb beziehen. Für die Dauer der Ausbildung mag das gehen, aber spätestens nach Beendigung der Lehre möchten die jungen Berufsanfänger in den eigenen vier Wänden wohnen. Doch oft reicht das Gesellen- oder Startergehalt nicht aus, um sich eine eigene Wohnung in München zu mieten. Die Folge: Viele Azubis stemmen neben ihrer Ausbildung noch einen Nebenjob – ein Wochenarbeitszeitpensum von 40 bis 50 Stunden ist da keine Seltenheit.
Dieter Reiter, Referent für Arbeit und Wirtschaft in der Landeshauptstadt, sieht Handlungsbedarf nicht nur bei der Stadt München: "Die Studie zeigt, dass inzwischen deutlich weniger Jugendliche von auswärts zur Berufsausbildung nach München kommen. Über das Münchner Jugendsonderprogramm versucht das Referat für Arbeit und Wirtschaft seit Jahren, verstärkt einheimische Potentiale für die Berufsausbildung zu erschließen. Aber nicht nur die Stadt, auch die Betriebe, Kammern und Schulen sind gefragt, Konzepte zu entwickeln, um den Nachwuchs für Betriebe zu sichern und Fachkräftemangel vorzubeugen." Das Jugendsonderprogramm fördert modellhafte und innovative Projekte in den Bereichen Berufsvorbereitung und -orientierung. Es dient als Unterstützung für junge Berufsanfänger, um einen erfolgreichen Abschluss zu erleichtern.
Es gibt aber auch gute Nachrichten: Die Mehrheit der Auszubildenden kommt mittlerweile mit der Lebenssituation in München gut zurecht. Mag der Anfang schwierig sein, ist die Zahl derer, die über dauerhafte Integrationsprobleme klagen, 2010 auf 15 Prozent zurückgefallen. Erfreulicherweise gelingt es vielen leichter, Anschluss an heimische Jugendliche zu finden. Und hatten Azubis aus den neuen Bundesländern 2001 noch deutlich seltener Migranten in ihrem Freundeskreis, gibt es heute kaum mehr Unterschiede zu Jugendlichen aus den alten Bundesländern. Auf die Frage "Würdest Du ein zweites Mal zur Ausbildung nach München kommen?" antworten 87 Prozent der Befragten mit einem klaren Ja.
Fazit: Jugendliche kommen weniger, aber gezielt zur Ausbildung nach München. Sie informieren sich vorab, bevorzugt über das Internet, über Lehrstellenangebote, Chancen und Zukunftsperspektiven. Die Landeshauptstadt als Ausbildungsort attraktiver zu gestalten, die Standortpotentiale zu entwickeln, ist die Zukunftsaufgabe aller, die dem Fachkräftemangel Einhalt gebieten wollen: Stadt, Wirtschaft, Schulen und Kammern.
| Ausgabe: | SamstagsBlatt München |
| Woche: | 08 - 2011 |
| Autor: | RP |
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