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10.06.2010 - 09:32 Uhr
 

„Gebt uns eine Chance!“

Acht Jugendliche im Berufsvorbereitungsjahr suchen eine Lehrstelle

Münchner Wochenanzeiger : Acht Schüler im BVJ suchen noch eine Lehrstelle: v.l. Suat (18), Francesco (17), Mert (16), Marcellino (17), Andres (16), Sasan (17), Natascha (18) und Andreas (18) mit Klassenlehrer und Leiter des BVJ Thomas Braun. (Foto: RP)
 
Acht Schüler im BVJ suchen noch eine Lehrstelle: v.l. Suat (18), Francesco (17), Mert (16), Marcellino (17), Andres (16), Sasan (17), Natascha (18) und Andreas (18) mit Klassenlehrer und Leiter des BVJ Thomas Braun. (Foto: RP)

Der tägliche Gang zum Briefkasten erfordert Mut. Sind wieder nur Absagen darin oder ist dieses Mal eine Einladung zum Vorstellungsgespräch dabei? Für acht Jugendliche im Berufsvorbereitungsjahr (BVJ) an der Städtischen Berufsschule für Einzelhandel München-Mitte ist dies die Realität. Das Schuljahr neigt sich dem Ende zu und noch ist kein Lehrvertrag für die Schüler in Sicht. Mit einem Hilfeaufruf hat sich nun Christa Berger-Stögbauer, Mitarbeiterin der Schulleitung, an das SamstagsBlatt gewandt. Sie möchte nichts unversucht lassen, den Jugendlichen zu helfen.

Das Berufsvorbereitungsjahr ist Pflicht, aber auch Chance für Jugendliche, die aus der Hauptschule ausscheiden und noch schulpflichtig sind. Hier können sie ihre Noten verbessern, den verpassten Hauptschulabschluss nachholen oder verstärkt Unterstützung bekommen, falls trotz intensiver Ausbildungsplatzsuche keine Lehrstelle gefunden wurde. „Wir starten das Berufsvorbereitungsjahr im Durchschnitt mit 26 Schülern“, erzählt Thomas Braun, Leiter des BVJ und Klassenlehrer der acht Jugendlichen. „Davon verlassen etwa die Hälfte im Laufe des Schuljahres die Klasse wieder, aus positiven wie negativen Gründen.“ Positiv zählen die Schüler, die eine Lehrstelle gefunden haben. Negativ gelten Jugendliche, die sich extrem unkooperativ verhalten, den Klassenfrieden über Gebühr stören oder gar nicht zum Unterricht kommen. Sie müssen die Schule verlassen.

Das dies nicht die Regel ist, kann Thomas Braun bestätigen: „Die Schüler erkennen schnell die Chance, die sie durch das BVJ bekommen und arbeiten mit“. Der engagierte Lehrer weiß, worauf er seine Schützlinge vorbereiten muss, damit sie im Bewerbungsgespräch und später in der Lehre bestehen können. Als problematisch sieht Thomas Braun den Trend, dass auch in den Ausbildungsberufen, die früher stark von Hauptschulabgängern besetzt wurden, mittlerweile immer mehr Jugendliche mit höherem Bildungsabschluss den Zuschlag bekämen. Doch er weiß auch Gutes zu berichten: „Manche Ausbilder nehmen bewusst zu uns Kontakt auf, wenn sie einen Azubi suchen. Sie schätzen unsere Unterstützung und vertrauen uns als Institution.“

Eine Ausbildung ist wichtig“

Dass die Jugendlichen auch aktiv etwas tun, um eine Lehrstelle zu bekommen, zeigt der Durchschnitt an Bewerbungen und Praktika, die jeder von ihnen absolviert. Der 17-jährige Sasan hat 35 Bewerbungen geschrieben und seine Ausdauer und Geschicklichkeit in mehreren Praktika bewiesen. "Auf meine Bewerbungen haben leider nur fünf Firmen geantwortet. Die Vorstellungsgespräche liefen eigentlich immer sehr gut, weil wir das ja zusammen mit Herrn Braun intensiv geübt haben. Aber letztlich bekam doch immer der die Lehrstelle, der besser qualifiziert war als ich", erzählt Sasan. Solche oder ähnliche Erfahrungen machen auch seine sieben Mitschüler. Der 18-jährige Andreas träumt von einer Lehrstelle als Fachkraft für Lagerlogistik. Intensiv hat er sich schon mit diesem Ausbildungsberuf auseinandergesetzt, selbst in Erfahrung gebracht, was für Anforderungen er darin erfüllen müsste und Praktika absolviert, um auch den Alltag dieses Berufes kennenzulernen. Für Ausbildungsbetrieb und Auszubildenden ist das der Idealfall: Der Azubi hat sich auf das Berufsbild vorbereitet und so sind beiderseitige Enttäuschungen schon im Vorfeld ausgeräumt. Leider hat es bei Andreas noch nicht geklappt, aber der Schüler strahlt Entschlossenheit aus. Unterkriegen lassen will sich hier keiner so schnell. Da sind sich die Jugendlichen einig. "Wir wissen, wie wichtig eine Ausbildung ist. In Deutschland musst du Leistung bringen, aber du bekommst auch viele Chancen", weiß der 16-jährige Andres. Und Sasan ergänzt: "Wenn ich sehe, wie es in anderen Ländern zugeht, wie wenig Möglichkeiten Jugendliche da beruflich haben, dann weiß ich schon zu schätzen, wie gut es uns trotz allem in Deutschland geht".

"Wir können etwas!"

Klassenlehrer und BVJ-Leiter Thomas Braun hilft seinen Schülern, neben praktischer Unterstützung für die Bewerbung und das Vorstellungsgespräch, auch aktiv dabei, ihr eigenes Potential und ihre Persönlichkeit in konstruktive Bahnen zu lenken. Den Jugendlichen Werte wie Empathie, Hilfsbereitschaft oder Ehrlichkeit nahe zu bringen, sind für ihn ganz wichtige Aufgaben. Dass dies auch klappt, spürt man im Gespräch mit den Schüern: Zuverlässigkeit, Engagement, Fleiß und Pünktlichkeit sind wichtige Werte, da sind sich alle acht Jugendlichen einig. Wer das nicht mitbringt, tut sich schwer. "Wir möchten den Arbeitgebern zeigen, dass wir etwas können und dass wir es auch wollen!"

Pläne für die Zukunft haben alle acht Schüler. Von einer eigenen Bäckerei träumt Sasan, Natascha (18) möchte eine Familie, einen festen Platz für sich. Eine Ausbildung in Richtung Büro/Kommunikation und eine Reise nach Holland, davon schwärmt der 16-jährige Mert. Das positive Gefühl hinter diesen Lebensträumen ist fast greifbar. Es zeigt, dass alle acht Jugendliche daran glauben, durch eigene Leistung ihr Leben bestreiten zu können. Das Thema Hartz IV ist für die Schüler noch etwas abstrakt, aber mit den Jugendlichen, die in Reality-Soaps in diesem Zusammenhang auf den Privatsendern gezeigt werden, wollen alle nichts gemein haben. "Deren Verhalten ist doch einfach nur dumm!", sagt Natascha. Mert gibt ihr Recht: "Es kommt ganz auf dich selbst an, welchen Weg du gehen willst!"

Acht Schüler - acht Hoffnungen

Deutschland befindet sich in der Krise. Das vermeintlich sichere Leben im Wohlstand gehört wohl bald der Vergangenheit an. Trotzdem gibt es eine Chance und die liegt auch in der zukünftigen Generation der Arbeitnehmer: den Auszubildenden. Für Thomas Braun wären acht Ausbildungsverträge am Ende des Schuljahres das wichtigste Ziel. Für seine Schüler bedeutete es: Zukunft!

Firmen, die noch Auszubildende suchen, wenden sich bitte an Christa Berger-Stögbauer, Städtische Berufschule für Einzelhandel München-Mitte, Lindwurmstr. 90, Tel. 23332553.

 
Artikelinfo
Ausgabe: SamstagsBlatt
München
Woche: 23 - 2010
Autor: RP

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