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01.09.2010 - 16:41 Uhr
 

Für die Ausbildung fit machen

Jeder dritte Hauptschul-Abgänger ist nicht reif für die Ausbildung. Staatliche Programme und ehrenamtlich Engagierte helfen den Jugendlichen

Münchner Wochenanzeiger : In vielen Handwerksberufen fehlen Fachkräfte. Trotzdem können nicht alle Ausbildungsplätze besetzt werden. Mangelnde Ausbildungsreife der Jugendlichen ist dafür ein Hauptgrund. (Foto: photos.com)
 
In vielen Handwerksberufen fehlen Fachkräfte. Trotzdem können nicht alle Ausbildungsplätze besetzt werden. Mangelnde Ausbildungsreife der Jugendlichen ist dafür ein Hauptgrund. (Foto: photos.com)
Münchner Wochenanzeiger : Jugendliche mit Migrationshintergrund haben es manchmal besonders schwer, den Sprung ins Berufsleben zu schaffen. Ehrenamtliche Helfer und staatliche Programme sorgen dafür, dass sie nicht allein gelassen werden.   (Foto: photos.com)
 
Jugendliche mit Migrationshintergrund haben es manchmal besonders schwer, den Sprung ins Berufsleben zu schaffen. Ehrenamtliche Helfer und staatliche Programme sorgen dafür, dass sie nicht allein gelassen werden. (Foto: photos.com)

Hamed bereitet sich an diesem Sonntagnachmittag auf den wichtigsten Termin seines bisherigen Lebens vor: Hemd bügeln, Stoffhose suchen, Papiere zusammenpacken. Der 18-jährige Münchner steht kurz vor seinem ersten Bewerbungsgespräch und das hätte noch vor einem Jahr keiner, am wenigsten er selbst, geglaubt.

Denn Hamed hat keinen Schulabschluss. Er bekam jedes Jahr zwei bis drei Verweise. Seine Familie kommt aus Afghanistan und sein Deutsch gleicht dem von Erkan und Stefan. Doch er hat 2009 am IHK-Sommercamp für Jugendliche mit mangelnder Ausbildungsreife teilgenommen und damit seine Weichen neu gestellt. „Das waren die besten drei Wochen meines Lebens, ich bin viel besser geworden!“, sagt Hamed.

Seine Geschichte ist kein Einzelfall. Inzwischen gibt es immer mehr Programme, die Jugendliche während der Schulzeit zusätzlich fit für die Lehre machen. Denn laut Nationalem Bildungsbericht 2009 erhalten nur 40 Prozent der deutschen Hauptschüler im Jahr ihres Abschlusses einen Ausbildungsplatz. Der Hauptgrund dafür liegt in der mangelnden Ausbildungsreife. Das heißt, die Jugendlichen bringen Basisqualifikationen, wie ausreichende Zeugnisnoten, physische und psychische Belastbarkeit oder Soft Skills, nicht mit. 35 Prozent der Unternehmen klagen darüber, wie eine Umfrage der Industrie- und Handelskammer (IHK) für München und Oberbayern ergab. „Der Schule gelingt es nicht mehr, die Jugendlichen so qualifiziert wie früher an die Schnittstelle zur Ausbildung zu bringen“, sagt IHK-Bildungsspezialist Hubert Schöffmann.

Hilfe von außen

Durch die mangelnde Ausbildungsreife entgeht der deutschen Wirtschaft viel Geld. „2,8 Billionen Euro fehlendes Wirtschaftswachstum bedeutet unzureichende Bildung auf die nächsten 80 Jahre gerechnet“, sagt Schöffmann. Deshalb müsse man diesem Trend schnell entgegenwirken. „Hilfsprogramme für Jugendliche außerhalb der Schule sind extrem wichtig geworden.“

Eines dieser Programme ist seit 2009 das IHK-Sommercamp, an dem auch Hamed teilgenommen hat. Münchner Hauptschüler aus der achten Klasse, die den Abschluss mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht schaffen, verbringen dabei drei Wochen mit der „Leuphana Sommerakademie“ in Waldmünchen. „Unser Ziel ist es, die Jugendlichen zu fördern, zu motivieren und zu stabilisieren“, sagt Projektleiterin Maren Voßhage-Zehnder von der Universität Lüneburg, an der das Konzept entwickelt wurde.

Das geschieht zum Einen durch Nachhilfe in Schulfächern wie Mathe oder Deutsch und Bewerbungstraining, zum Anderen durch viele Gemeinschaftsaktionen, wie das Einstudieren eines Theaterstücks. Zusätzlich findet eine einjährige individuelle Nachbetreuung statt. „Die Lehrer sagen uns, dass die Teilnehmer völlig verändert in ihre Klassen zurückkommen“, erzählt Voßhage-Zehnder.

Neuen Mut gefasst

Auch Hamed, der in der achten Klasse zweimal sitzen geblieben war, fasste neuen Mut und meldete sich an der Berufsschule zum berufsvorbereitenden Jahr an. Jetzt hat er in Deutsch eine Zwei, in Mathe eine Drei. „Im Sommercamp habe ich gemerkt, dass Lernen auch Spaß machen kann und dass es einfach wichtig ist“, sagt er. Außerdem hat er eine Menge an Selbstvertrauen gewonnen. „Am Anfang des Camps hatte Hamed große Zukunftsängste“, erinnert sich die Projektleiterin. „Ich wusste nie, was ich werden will“, sagt der 18-Jährige, der jetzt unbedingt den Ausbildungsplatz zum Kaufmann im Verkehrsservice bei der Deutschen Bahn bekommen möchte. „Ich weiß nämlich seit dem Sommercamp, dass ich vor allem gut Geschäfte machen kann.“

Trotz seiner Verbesserung wurde Hamed nur bei der Bahn zum Vorstellungsgespräch eingeladen. Auf seine anderen zehn Bewerbungen erhielt er Absagen. Maren Voßhage-Zehnder sieht Fehler nicht nur bei den Schülern: „Die Unternehmen beklagen sich, aber was wollen die eigentlich?“ 25 der 28 Teilnehmer des letzten Camps halte sie für ausbildungsreif, trotz zum Teil mangelhafter Schulnoten. „Solche Leute muss ich doch als Unternehmen zumindest mal einladen!“

Gerade noch rechtzeitig kam Ausbildungshilfe auch für die 16-jährige Özlem aus Germering. Sie hat am Ende der neunten Klasse auf Grund ihres türkischen Migrationshintergrundes immer noch Probleme im Lesen und Schreiben der deutschen Sprache. Bis vor Kurzem konnte sie sich als Job alles und nichts vorstellen – von Arzthelferin bis Friseurin. Sie kassierte auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz eine Absage nach der anderen. Der Hilfe von außen ist es zu verdanken, dass das Mädchen letztendlich eine Lehrstelle in der Bäckerei bekam. „Da hatte ich als ihr Coach wirklich viel zu tun“, erzählt der ehrenamtliche Ausbildungshelfer Johannes Rauter.

Nachhilfe und Motivation

Vor fünf Jahren hat die Stadt Germering ein Coachingprojekt ins Leben gerufen. Dabei betreut Johannes Rauter als einer von 15 Coaches einen oder zwei Jugendliche, bis sie einen Ausbildungsplatz finden. „Ich sorge für Nachhilfe, begleite den Bewerbungsprozess und vor allem motiviere ich“, sagt der 65-Jährige. Einmal pro Woche trifft er sich mit dem Jugendlichen und bespricht weiteres Vorgehen und Probleme. Oft wüssten seine Schüler nicht, was sie eigentlich können und hätten keine Struktur in ihrer Lebensplanung. „Da hilft es schon, dass jemand da ist, der auf sie schaut und jederzeit zur Seite steht.“ Der gelernte Volkswirt ruft außerdem gezielt bei Betrieben an und organisiert Ausbildungsplätze. Von den Jugendlichen, die beim Coachingprojekt mitmachen, erlangen 80 Prozent eine Lehrstelle. In ganz Bayern helfen derzeit rund 50 solcher Initiativen mehr als 2.500 Schülern. „Das Programm ist wirklich erfolgreich. Es sollten sich viel mehr Erwachsene auf diesem Gebiet ehrenamtlich engagieren“, meint Rauter. Denn die Schulen hätten nach wie vor zu wenig Geld, um individuelle Betreuung leisten zu können.

Bei Jugendlichen mit mangelnder Ausbildungsreife wie Özlem oder Hamed fällt die Hilfe der Programme auf fruchtbaren Boden. Das IHK-Sommercamp wurde daher für den Sommer 2010 auf 50 Plätze aufgestockt. Hamed würde das Camp jedem weiterempfehlen. Er weiß auch schon, was er macht, wenn es mit der Ausbildungsstelle bei der Bahn nicht klappt: „Dann lass ich meine Bewerbung gleich für nächstes Jahr da“, sagt er mit einem Zwinkern. „Ich geb' nicht mehr auf. Ich schwör!“

 

 
Artikelinfo
Ausgabe: SamstagsBlatt
München
Woche: 35 - 2010
Autor: cm
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