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10.04.2007, 16:51 Uhr
 

München · „Angst, nicht gehört zu werden“

Deutsche Stalking-Opferhilfe unterstützt Betroffene – Selbstsicherheitstraining im April

 
Stalker bombardieren ihr Opfer mit Anrufen und SMS zu jeder Tages- und Nachtzeit.
 
Erika Schindecker
„Viele wissen gar nicht, was Stalking überhaupt heißt“, sagt Erika Schindecker, Vorsitzende der Deutschen Stalking-Opferhilfe (DSOH) e.V. Die 55-Jährige war selbst Opfer eines Stalkers und hat 2005 den Verein gegründet, um anderen Betroffenen zu helfen. Ende April bietet die DSOH ein Selbstsicherheitstraining gegen Stalking an.
„Stalking“ lässt sich ins Deutsche mit „Nachstellen“ übersetzen und ist abgeleitet vom englischen Wort „to stalk“, das aus der Jägersprache kommt und ursprünglich „jagen, hetzen“ bedeutet. Man versteht darunter das Verhalten von Menschen, die einen Mitmenschen mit ständigen Telefonanrufen, Briefen, E-Mails, Auflauern und Verfolgen, Liebesbekundungen und Drohungen verfolgen, belästigen oder terrorisieren. Auch Erika Schindecker wurde vor drei Jahren „gestalkt“. „Ich habe vom Begriff Stalking auch das erste Mal gehört, als ich selbst betroffen war“, erzählt sie. Ihre eigenen Erfahrungen wollte sie weitergeben und damit anderen Betroffenen helfen, deshalb gründete sie im September 2005 die Deutsche Stalking-Opferhilfe. „Bürger sensibilisieren“ Vier ehrenamtliche Telefonberaterinnen und -berater sind bei der DSOH beschäftigt. „Wir helfen Opfern von Stalking“, erklärt Schindecker, „und bieten eine kostenlose telefonische Erstberatung an.“ Anschließend unterstützt der Verein die Betroffenen bei der Suche nach spezialisierten Psychologen, Ärzten, Rechtsanwälten und sozialen Einrichtungen. Außerdem leistet die DSOH Öffentlichkeitsarbeit, um möglichst viele Menschen auf das Thema Stalking aufmerksam zu machen. „Wir möchten die Bürgerinnen und Bürger sensibilisieren und ihnen das Thema näher bringen“, sagt Erika Schindecker. „Es herrscht noch sehr viel Unwissen.“ In den Blickpunkt der Öffentlichkeit ist das Stalking aufgrund einiger betroffener Prominenter gekommen. Ob Robbie Williams, Brad Pitt oder Nicole Kidman, ob Madonna, Steffi Graf oder Steven Spielberg – sie alle wurden bereits Opfer eines Stalkers bzw. einer Stalkerin. Doch nicht nur Prominente sind betroffen. 2003 wurde vom Zentralinstitut für seelische Gesundheit in Mannheim die erste repräsentative Erhebung in Deutschland gemacht. Dabei gaben 11,6 Prozent der Befragten an, einmal in ihrem Leben Opfer eines Stalkers geworden zu sein. „Es kann jeden treffen“, weiß auch Erika Schindecker. Jährlich gebe es etwa 600 000 Fälle in der Bundesrepublik, so die 55-Jährige. Täter oft der Ex-Partner Die meisten Stalking-Opfer sind Frauen. Etwa 90 Prozent, schätzt Schindecker. Und der Täter ist meist kein Unbekannter: Häufig sind es Ex-Partner, die eine Trennung nicht akzeptieren, oder flüchtige Bekannte, die sich eine Liebesbeziehung einbilden. Mögliche Stalking-Handlungen reichen von häufigen Telefonanrufen und SMS zu jeder Tages- und Nachtzeit über Geschenke, die ständige Präsenz des Verfolgers vor der Wohnung des Opfers und Auflauern bis hin zu Sachbeschädigung (z.B. zerstochene Autoreifen) und Einbruch. Vorübergehender Zorn oder Liebeskummer ist deshalb noch kein Stalking. Erst wenn die Verfolgung anhält und sich eher steigert als abnimmt, sprechen Experten von Stalking. „Spätestens, wenn man gesundheitliche Schäden davonträgt, in Angst lebt und Lebensqualität und persönliche Freiheit eingeschränkt sind, kann man sich sicher sein, dass es sich um Stalking handelt“, so Erika Schindecker. Als sie gestalkt wurde, bekam sie eine Weile sogar Polizeischutz. „Ich konnte nichts mehr normal machen“, erinnert sie sich, „selbst zum Metzger ging es nur mit Polizeischutz.“ „Großer Schritt“ Am 30. November 2006 wurde in Deutschland vom Bundestag ein eigener Straftatbestand „Nachstellung“ beschlossen, der am 1. April in Kraft getreten ist. „Das ist ein ganz großer Schritt in die richtige Richtung“, meint Erika Schindecker. Die Deutsche Stalking-Opferhilfe stand in Kontakt mit Bayerns Justizministerin Beate Merk (CSU), sprach mit vielen Ministern „bis zu Frau Zypries“ und war stets dahinter, dass das Strafrecht zu Gunsten von Stalking-Opfern geändert wird. Jetzt können Stalker, die anderen Menschen nachstellen, auflauern oder diese belästigen, mit bis zu drei Jahren Haft bestraft werden. In schweren Fällen, in denen das Opfer oder seine Angehörigen in Lebensgefahr gebracht wurden, droht eine Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren Haft, kommt das Opfer durch das Stalking ums Leben, wird die Tat mit bis zu zehn Jahren Gefängnis bestraft. Auch gibt es mit der Neuregelung die Möglichkeit, besonders gefährliche Täter bei Wiederholungsgefahr vorbeugend in so genannte „Deeskalationshaft“ zu nehmen. Das Anti-Stalking-Gesetz ist für Erika Schindecker ein „Meilenstein“: „Bislang gab es nur geringe Strafen, Polizei und Justiz waren die Hände gebunden. Jetzt hat die Staatsanwaltschaft die Möglichkeit, die Täter einzusperren.“ Für die Opfer, die einer enormen psychischen Belastung ausgesetzt sind, gibt es somit neue Möglichkeiten. „Viele haben Angst, dass sie nicht gehört werden. Besonders ausländischer Mitbürgerinnen fehlt meist der Mut, sich jemandem anzuvertrauen.“ Das wird sich nun ändern, hofft Schindecker. „Mit dem Gesetz ist mein größter Wunsch erfüllt.“ „Polizeipräsidien gefordert“ Trotz allem sieht Erika Schindecker vor allem bei der ländlichen Polizei noch Nachholbedarf: „Einige Polizisten sind überhaupt nicht informiert, wissen nicht einmal, was Stalking ist.“ Hier seien Polizeipräsidien und -direktionen gefordert. „Mein Wunsch und meine Forderung ist, dass es in jeder Polizeidienststelle einen Stalking-Beauftragten gibt.“ Das sollten besonders Frauen sein, so Schindecker, „denn die meisten Opfer sind weiblich. Sie haben zu einer Frau einfach mehr Vertrauen als zu einem Mann und können deshalb offener reden.“ Weiter sollten die Polizeiinspektionen die Opfer ernst nehmen und ihnen Hilfestellungen anbieten, „anstatt nur ein müdes Lächeln zu zeigen.“ Um das gesamtgesellschaftliche Problem Stalking zu erläutern und (potentiellen) Opfern zu zeigen, wie sie sich wehren können, bietet die Deutsche Stalking-Opferhilfe das deutschlandweit erste „Selbstsicherheitstraining gegen Stalking“ an. Es findet am Samstag, 28. April, von 10 bis 15 Uhr im Salesianum (St.-Wolfgangs-Platz 1) in München-Haidhausen statt und kostet 40 Euro. Stalkingopfer, Opfer häuslicher Gewalt, aber auch alle Interessierten können sich bis Dienstag, 10. April, unter folgenden Telefonnummern anmelden: Montags von 10 bis 12 Uhr: 01 51/52 06 52 09 Montags von 20 bis 22 Uhr: 01 51/52 06 52 06 Donnerstag von 10 bis 22 Uhr: 01 51/52 06 52 03 Donnerstag von 19 bis 21 Uhr: 01 51/52 06 52 06 Ab dem 10. April sind Anmeldungen nur noch auf Nachfrage unter Tel. 01 70/887 82 33 möglich. Weitere Informationen über die Deutsche Stalking-Opferhilfe im Internet: www.deutsche-stalkingopferhilfe.de
 
Artikelinfo
Ausgabe: Werbe-Spiegel
Woche: 15-2007