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01.09.2010 - 16:25 Uhr
 

Sind die Rettungsboote bereit?

Die Flut des Doppelabiturjahrgangs stellt Hochschulen und Wirtschaft im nächsten Jahr vor große Aufgaben

Münchner Wochenanzeiger : Noch können sie lachen: Ob das für die Schüler des doppelten Abiturjahrgangs auch so bleiben wird? (Foto: photos.com)
 
Noch können sie lachen: Ob das für die Schüler des doppelten Abiturjahrgangs auch so bleiben wird? (Foto: photos.com)

Mit der Meinung, dass alle Abitur-Absolventen im kommenden Jahr, sowohl die des G8- als auch die des G9- Jahrgangs, ein Recht auf gleichberechtigte Chancen bei der Hochschul- und Ausbildungsplatzvergabe haben sollen, sind sie sich einig. Der bayerische Kultusminister, Dr. Ludwig Spaenle, der bayerische Wissenschaftsminister, Dr. Wolfgang Heubisch, und der Hauptgeschäftsführer der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (vbw), Bertram Brossardt, versuchen Lösungen für die Flut der kommenden Abiturienten aufzuzeigen.

Im Jahr 2011 ist es soweit. Nach Einführung des achtjährigen Gymnasiums wird es im kommenden Jahr das erste Mal eine Abschlussklasse des neuen Systems geben. Zusammen mit dem auslaufenden neunjährigen Modus werden insgesamt etwa 70.000 Schüler zu den Abiturprüfungen antreten und anschließend auf Studiums- und Berufssuche gehen. Mit dieser Welle an Bewerbern stehen die Hochschulen und die Wirtschaft in Bayern vor einer Aufgabe, die nur schwer zu bewältigen scheint.

Lösungsansätze

Um dem Bewerberchaos vorzubeugen, wurden für beide Gruppen eigene Prüfungstermine festgesetzt. So absolviert der G9 Jahrgang das Abitur zwei Monate früher und erhält zusätzlich am 23.12.2010 ein Bewerbungszeugnis, um (ausnahmsweise) schon zum Sommersemester das Studium beginnen zu können. Die „harten Numerus-Clausus-Studiengänge“, wie zum Beispiel Medizin, sind davon allerdings ausgeschlossen und können wie bisher nur zum Wintersemester begonnen werden. Abgewartet werden muss erst noch, wie viele das Angebot des verfrühten Studienbeginns annehmen, da die Zeit nach dem Abitur meist Raum für Praktika, Auslandsaufenthalte oder großzügigen Urlaub gewährt.

Ausbauprogramm geschaffen

Wie sich der Ansturm auf die freien Plätze der einzelnen Studiengänge verteilen wird, ist ebenfalls ungewiss. Für dieses Problem wurde in Bayern ein Ausbauprogramm geschaffen, das es vorsieht, bis nächstes Jahr 38.000 zusätzliche Studienplätze mit 3000 neuen Personalstellen zu schaffen. „Nach unseren Berechnungen müssten diese zusätzlichen Studienplätze ausreichen.“ Um eine stetige Verbesserung der Lehre zu gewährleisten, würde es Bertram Brossardt allerdings zusätzlich begrüßen, wenn weitere Studienplätze installiert werden. „Wir freuen uns, wenn es gelingt, die im Koalitionsvertrag für die Schaffung weiterer 10.000 Studienplätze vorgesehenen finanziellen Mittel umzusetzen.“ Ob die Hochschulen für diese Zusatzausstattung gerüstet sind, ist allerdings fraglich: „Weder die Anzahl der Studienplätze noch die Hochschul- und Personalausstattung und schon gar nicht die soziale Infrastruktur sind auf den Ansturm der Studierenden im kommenden Jahr ausgerichtet", so die hochschulpolitische Sprecherin der Landtags-SPD, Isabell Zacharias.

Verdrängungswettkampf

Zehn Prozent eines Abiturjahrgangs beginnen durchschnittlich pro Jahr eine Ausbildung. Mit Blick auf den Andrang an den Hochschulen werden viele Jugendliche hinzukommen, die direkt nach dem Abschluss in die Berufswelt ausweichen möchten. Gymnasiasten, Haupt- und Realschüler stehen dadurch mehr denn je im Konkurrenzkampf um Arbeitsplätze. Laut Bertram Brossardt wird es trotzdem keinen Verdrängungswettkampf geben. „Schon jetzt kommt rechnerisch nahezu auf jeden Ausbildungsplatz-Suchenden eine Lehrstelle. 2011 wird sich die Lage weiter entspannen, denn dann werden dem Ausbildungsmarkt durch sinkende Schulabgängerzahlen aus Haupt- und Realschulen weniger Bewerber zu Verfügung stehen.“ Ob sich die fallenden Werte bei den Haupt- und Realschüler und die steigenden Zahlen der Abiturienten wirklich die Waage halten werden, wird sich zeigen.

Internetplattformen informieren

Die Internetplattformen www.sprungbrett-bayern.de (vbw) und www.studieren-in-bayern.de (Bayerisches Staatsministerium) bieten den Schülerinnen und Schülern die Möglichkeit sich über Studiengänge, Überbrückungsangebote wie Sprachkurse oder studienvorbereitende Seminare zu informieren und mehr über das Thema Berufsorientierung zu erfahren. „Wir haben unsere Datenbank an zwei Schulen getestet und dabei festgestellt, dass ein paar Schüler Probleme damit hatten, den für sie interessanten Philologen-Studiengang zu finden, da sie ihn mit einem anderen Lehramtsstudiengang verwechselt haben. Im Nachhinein wurde das im System natürlich berücksichtigt und für die Schüler vereinfacht.“ Solch eine praktische Erfahrung ist nach Dr. Wolfgang Heubisch wichtig, um die reale Umsetzbarkeit eines Projektes zu überprüfen. Die theoretischen Maßnahmen für den Doppelabiturjahrgang sind genau wie bei dem Online-Angebot fertiggestellt. Inwiefern die Lösungsansätze greifen werden, kommt erst im nächsten Jahr ans Tageslicht. Für Überarbeitungsmaßnahmen wird es dann allerdings zu spät sein.