| Ausgabe: | Sendlinger Anzeiger Sendling |
| Woche: | 21 - 2009 |
| Autor: | job |
Elf Menschen, die vor 69 Jahren im Haus an der Kyreinstraße 3 wohnte, sind von den NS-Tätern nach Kaunas verschleppt und dort umgebracht worden. Ihr Schicksal rief im vergangenen Jahr die Initiative Historische Lernorte Sendling im Rahmen der Installation »... nach unbekannt abgewandert« von Wolfram Kastner in Erinnerung. "Auch an der Ecke Kyrein- / Implerstraße standen die weißen Koffer, die an die Deportationsopfer erinnerten", so Leo Brux (Historische Lernorte). "Sie waren letztlich Anlass und Anstoß für die Eigentümergemeinschaft Kyreinstraße 3, sich für ein bleibendes Gedenkzeichen einzusetzen." Brux dankte Gunter Demnig, der Initiative Stolpersteine sowie der Hauseigentümergemeinschaft: »Sie haben es möglich gemacht, dass hier ein Ort des Gedenkens an einige der Menschen entsteht, die Opfer des Holocaust geworden sind.«
Viele Bewohner des Anwesens beschäftigten sich aufgrund der Kastner-Installation im Sommer 2008 intensiv mit dem Leben und Sterben der Menschen, die vor ihnen ihr Haus bewohnten. Um an sie zu erinnern, verlegte der Künstler Gunter Demnig nun elf »Stolpersteine« am Zugang zu dem Anwesen - nirgends in München gibt es bisher mehr solcher Mahnmale. Die Verlegung wurde von der Initiative Stolpersteine für München e.V. zusammen mit der Initiative Historische Lernorte Sendling und der Eigentümergemeinschaft Kyreinstr. 3 durchgeführt. Bei der Verlegung lasen Lennart und Jonas die Namen und Lebensgeschichte der elf Opfer aus diesem Haus vor, Zeitzeuge Ernst Grube erinnerte an seine Zeit in Sendling und im Antonienheim.
Demnig verlegte in den vergangenen neun Jahren (in denen er deswegen drei Morddrohungen erhielt) 19.500 Steine in mehreren europäischen Ländern, demnächst werden weitere Steine für alle Opfergruppen der NS-Täter u.a. in Oslo, Kiew und Rom gesetzt. Bei der Verlegung der Steine in Sendling dankte er den Paten und Initiatoren und brachte seine Freude über die Teilnahme vieler Sendlinger Bürger zum Ausdruck. Da in München die Stolpersteine nicht auf öffentlichem Grund verlegt werden dürfen, wurden sie an der Kyreinstraße auf privatem Boden verlegt. "Ich kann mit diesem Kompromiss leben", meinte Demnig, "jeder einzelne Stein ist ein Kunstwerk, alle zusammen sind ein dezentrales Mahnmal." Die Kritik, die Stolpersteine ermöglichten, dass auf den Namen der Opfer herumgetrampelt werden könne, wies der Bildhauer zurück: "Wer die Namen auf den Steinen lesen will, muss eine Verbeugung vor den Opfern machen", meinte er.
Den Begriff "Stolperstein" prägte ein Hauptschüler, erzählte Demnig. Als dieser nach einer Veranstaltung von einem Journalisten gefragt wurde, ob die Gedenksteine nicht gefährlich seien, weil Passanten über sie stolpern könnten, meinte er: "Nein, denn über diese Steine stolpert man mit dem Kopf und mit dem Herzen!"
Erfreulich sei das große Interesse insbesondere von Jugendlichen, meinte Demnig. Die in die Millionen gehende Opferzahl der NS-Zeit bleibe auch für ihn eine abstrakte Größe. Daher sei es ein Unterschied, ob ein Schüler in einem Geschichtsbuch von sechs Millionen ermordeter Juden lese, oder ob er sich mit dem Schicksal einer einzelnen Familie beschäftige. Genau das haben die Bewohner der Kyreinstraße gemacht und gerade den Kindern ist es nahe gegangen, dass einige der aus ihrem Haus Verschleppten und Ermordeten damals in ihrem Alter waren.
Bei der Verlegung der Steine bat Leo Brux die Anwesenden, sich in das Jahr 1941 zu versetzen:
"Als die Familien Berger und Reiß im Juli 1940 in der Kyreinstraße 3 einzogen, durften sie schon lange nicht mehr auf Parkbänken sitzen, durften ihre Kinder die staatliche Schule nicht mehr besuchen, durften sie kein Radio mehr besitzen und ab 20 Uhr (im Sommer ab 21 Uhr) nicht mehr draußen sein. Einkaufen durften sie nur mehr in wenigen Geschäften zu schikanös ausgesuchten Zeiten, bei drastisch reduzierten Lebensmittelkarten.
Diese Ausgrenzung war 1940 schon fast perfekt, aber sie wurde im folgenden Jahr noch radikaler. Ab dem 7. März 1941 waren die Eltern zu Zwangsarbeit verpflichtet. Ab dem 15. September 1941 müssen sie und ihre Kinder den 'Judenstern' tragen. Ab Oktober durften sie keine öffentlichen Verkehrsmittel mehr benutzen, außer mit besonderer Genehmigung. Und etwa Anfang November kam dann das Schreiben: 'Packen Sie Ihre Sachen und halten Sie sich bereit - Sie werden per Bahn zum Arbeitseinsatz in den Osten transportiert.'
Mitte November holt ein Bus die vier Bergers, die drei von der Familie Reiß und Herrn Wilhelm Mamma ab und bringt sie samt ihren Koffern nach Milbertshofen ins Barackenlager Knorrstraße. Am 20. November um 4 Uhr morgens, es ist ein nasskalter Morgen, die Sonne ist noch nicht aufgegangen, treiben SS-Mannschaften sie unter wüsten Beschimpfungen zu einem Zug mit Personenwagen, der am Güterbahnhof bereitsteht, und pressen sie hinein. Die etwa 1.000 Münchner Juden und ihr Gepäck haben darin kaum Platz, viele müssen stehen. Kurz vor der Abfahrt kommt noch ein Bus mit verstörten kleinen Kindern aus dem Kinderheim Antonienstraße, die auch noch in die Waggons hineingehoben werden.
Die Fahrt nach Kaunas dauert etwa zweieinhalb Tage. Wie werden die Deportierten mit den hygienischen Verhältnissen fertig? Wie viel Schlaf bekommen sie? Was bereden sie im Zug? Münchner Schutzpolizisten begleiten den Transport bis zur Ankunft. Sie berichten später, der Transport sei ruhig verlaufen, nur Probleme mit der Wasserversorgung habe es gegeben. Am Samstag, 22. November, abends, kommt der Zug an. Die Deportierten werden durch das überfüllte Ghetto Kaunas etwa 6 km weit zu Fuß zum Fort IX geführt, wo sie in heruntergekommene Arrestzellen gesperrt werden, zusammen mit Juden aus Berlin und Frankfurt. Sie glauben, sie würden auf Dauer im Ghetto Kaunas untergebracht werden.
Am 25. November werden sie im Fort IX erschossen. Man hat vorher große Gräben ausgehoben. Noch beim Gang zu den Todesgräben wissen sie nicht, was ihnen bevorsteht. Sie müssen sich in Gruppen zu 80 Personen aufstellen, angeblich zu Morgenübungen im Hof. Die Gruppen werden dann nacheinander veranlasst, in Richtung der Gräben zu laufen. Sie sollen sich in diese Gräben hineinstürzen. Zu beiden Seiten steht eine Menge mit Knüppeln und Gewehren bewaffneter Schläger. Wer ausweichen will, wird geschlagen, bis er in den Graben hineingeht. Maschinengewehrfeuer von einem Hügel tötet die Menschen in den Gräben. Die wenigen, denen es gelingt wegzurennen, werden außerhalb der Gräben erschossen. Insgesamt werden in jenen Wochen 50.000 Juden in den Befestigungsanlagen von Kaunas erschossen.
Wer sind die unmittelbaren Täter? Litauer und Deutsche des Einsatzkommandos 3 der Einsatzgruppe A. Chef des Einsatzkommandos: Karl Jäger. Er lebt bis 1959 unbehelligt und begeht Selbstmord, als das Ermittlungsverfahren gegen ihn eröffnet wird.
Herr und Frau Meyer und Julia Früh werden 1942 nach Theresienstadt deportiert, bald darauf weiter nach Auschwitz gebracht und dort ermordet.
Dies ist eine Geschichte, die nicht vergessen werden soll. Die Erinnerung braucht Ort und Namen und Zukunft. Gedenkzeichen am Ort als Teil des Alltags sind eine Möglichkeit, dass Ereignis und Ort eingehen ins Stadtteilgedächtnis."
| Ausgabe: | Sendlinger Anzeiger Sendling |
| Woche: | 21 - 2009 |
| Autor: | job |
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