Münchner Wochenanzeiger - 

Aktuelle Nachrichten

 
rss icon  
Saturday, 4. February 2012 · 09:36 Uhr  · 
Heiter -18°

Samstag

Meist Bewölkt  T: -16° / H: -8°

Sonntag

Heiter  T: -13° / H: -8°
 
 
 
 
04.08.2010 - 14:02 Uhr
 

Jugend im Vollrausch?

Münchner Wochenanzeiger : In Clubs gehört Trinken ganz selbstverständlich dazu. Und wenn man sich die teuren Getränke nicht leisten kann, so wird schon mal in privater Runde „vorgeglüht“. Bis zum Exzess treiben es allerdings die wenigsten. (Foto: photos.com)
 
In Clubs gehört Trinken ganz selbstverständlich dazu. Und wenn man sich die teuren Getränke nicht leisten kann, so wird schon mal in privater Runde „vorgeglüht“. Bis zum Exzess treiben es allerdings die wenigsten. (Foto: photos.com)

Die Deutschen sind ein Volk, das sich gerne an der Spitze oder zumindest unter den Top Ten der Welt sieht. Was in vielen Bereichen erstrebenswert sein mag, wird mehr als bedenklich, wenn es sich dabei um ein Thema wie den Alkoholkonsum handelt. Denn auch hier ist Deutschland inzwischen in der Spitzengruppe gelandet und liegt hinter Luxemburg, Irland, Ungarn und Tschechien auf Platz fünf.Jeder Bundesbürger nahm im Jahr 2008 im Durchschnitt umgerechnet 9,9 Liter reinen Alkohol zu sich. Die Zahlen stammen aus dem Jahrbuch Sucht 2010, das die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) im Frühjahr in Berlin vorstellte. Besorgniserregend ist laut der Experten die Entwicklung beim sogenannten Komatrinken.

Hier ist ein dramatischer Anstieg zu verzeichnen und es sind immer mehr Jugendliche, die sich bis zum Umfallen „zuschütten“. Im Jahr 2008 mussten rund 25.700 Kinder und Jugendliche mit einem Vollrausch ins Krankenhaus eingeliefert werden, eine Steigerung um fast das Dreifache im Vergleich zu 2000. Wir fragten bei verschiedenen Institutionen, bei Schulen, Streetworkern und Suchtberatungen nach, wie relevant das Thema im Münchner Westen ist.

Alkohol wird toleriert

„Alkoholprobleme bei Jugendlichen fallen uns deshalb vor allem auf, wenn verzweifelte Eltern nach einem Komafall ihrer Kinder oder bei mehrmaligen Betrunkenenzustand hier erscheinen“, erklärt die Diplompsychologin und stellvertretende Leiterin der Pasinger Suchtberatungsstelle Condrobs, Barbara Wiese. Leider trete ein Alkoholproblem in fast allen Fällen zusammen mit einer anderen Abhängigkeit auf, meist Cannabis. „Vielleicht liegt das auch daran, dass Alkohol als Genussmittel absolut toleriert wird in der Gesellschaft.“ „Auffällig ist für den gesamten Münchner Westen, dass die Jugendlichen nicht auf öffentlichen Plätzen, sondern wenn, dann auf privaten Partys trinken“, ergänzt Condrobs-Mitarbeiter Harald Preiss. Gebe es ein Problem, könne die Beratungsstelle auf ihr gesamtes, eingespielte Netzwerk zurückgreifen. „Wir arbeiten eng mit „ConAction“ in der Müllerstraße zusammen, informieren die „Streetworker“ am Pasinger Bahnhof Nord und kommen auch des Öfteren ins Pasinger Krankenhaus, wenn dort ein betrunkener Jugendlicher eingeliefert wurde“, so Wiese. Sehr bewährt habe sich das Condrobs-eigene Projekt „Inside“, das mit Fortbildungen und Projekttagen gezielt in die neunten und zehnten Klassen gehe oder Multiplikatoren in den Schulen ausbilde. Wiese: „Prävention in diesem Alter ist unerlässlich. Wir freuen uns, dass wir stark von den Schulen nachgefragt werden.“

„Sauba bleim“

In den siebzehn Jahren seines Dienstes als Pasinger Jugendkontaktbeamter hat Robert Heinrich dagegen noch keinen Fall von Komasaufen erlebt und kann auch keinen Ort zwischen Aubing Langwied bis zum Nymphenburger Schloss ausmachen, wo Jugendliche sitzen und sich regelmäßig „wegschädeln“. „Probleme gibt es wenn dann bei den Ü20igern“ bestätigt sein Kollege Karsten Mößmer. Die beiden Jugendbeamten halten engen und vor allem regelmäßigen Kontakt zu allen Schulen im riesigen Gebiet. Mit ihrem Präventionsprogramm „Sauba bleim“ touren sie des Öfteren durch die Klassen oder bilden in Workshops Schüler der Oberstufen aus, die sich um Alkohol, Sucht und Prävention an ihren Schulen kümmern. „Alkohol unter Jugendlichen ist höchstens im privaten Raum von Partys ein Problem. Das aber eher selten. Da läuft in unserem Gebiet nichts aus dem Ruder“, so Heinrich. „Das wüssten wir.“

Einzelfälle

„In den 5. Und 6. Klassen haben wir noch keine Erfahrung mit Alkohol gemacht. Los geht es in der 7. Klasse“, konstatiert Barbara Hörnig, Konrektorin der Hauptschule Franz-Nissl-Straße. „Da wird schon stolz über Alkoholexzesse berichtet. Es handelt sich aber immer um Einzelfälle.“ Zum Teil wird aber schon vor Unterrichtsbeginn konsumiert, auch während der Mittagspause. Der Alkohol wird von zu Hause mitgebracht. Grundsätzlich haben wir die Erfahrung gemacht, dass die Abstürze von den Eltern geduldet werden. Teilweise verbieten die Eltern auch eine schulische Einmischung.

“Das Problem – auch bei Mädchen – sei in den vergangenen Jahren durchaus größer geworden, meint Barbara Hörnig. Wenn sich das Elternhaus nicht kümmere und die Vorbildfunktion dort nicht vorhanden sei, werde es kritisch, sagt sie. Besonders wenn Eltern ebenfalls oft Alkohol trinken und ihren Kindern das Trinken erlauben. „Eltern sollten sich um ihre Kinder von Geburt an in jeder Lebensphase kümmern und die Freizeit mit, nicht ohne ihre Kinder verbringen.“Zu den Präventionsmaßnahmen der Schule gehört neben dem Gespräch im Unterricht auch eine intensive Auseinandersetzung mit dem Thema durch Texte und Filme. Auch an den anderen Schulen im Münchner Westen, die wir befragten, wird aktive Präventionsarbeit betrieben. Aktuelle Fälle, denen die Schulleitung nachgehen muss, gibt es dort jedoch nicht, wie Stephan Zahlhaas, Schulleiter des Erasmus-Grasser-Gymnasiums, Lore Heinrich-Exner, die stellvertretende Schulleiterin des Ludwigs-Gymnasiums, Nobert Lottner, der Schulleiter der Georg-Büchner-Realschule und Maria Asenbeck-Falkenstein, die Schulleiterin der Carl-von-Linde-Realschule, übereinstimmend erklärten. Auch für Ismail Sahin, den Leiter des Multikulturellen Jugendzentrums im Westend, ist Komasaufen, beziehungsweise Alkohol kein Thema, das es aufzuarbeiten gilt.

Von den Auswirkungen überrascht

Dass aktive Präventionsarbeit ankommt, bewies kürzlich auch das Siedlerfest in Karlsfeld. Viele Jugendliche besuchten beim Kindernachmittag Ende Juni den Stand von Mitarbeitern der gemeindlichen Jugendarbeit. Dort gab es ein Alkoholpräventionsangebot mit Informationen zu den Folgen übermäßigen Alkoholkonsums. Mit Hilfe von „Rauschbrillen“ konnten die jugendlichen Besucher beispielsweise einen „Rauschparcours“ überwinden und dabei nüchtern austesten, wie unter Alkoholeinfluss wahrgenommen wird. Die „Rauschbrillen“ simulieren die Bewusstseinstrübung durch Alkoholkonsum und die Teilnehmer erfahren so, wie stark ihre Fähigkeiten durch den Alkoholeinfluss gemindert werden. Viele Jugendliche waren überrascht über die Auswirkungen des Alkohols.

Dynamische Gruppenkontrolle

Wie wichtig der positive Einfluss einer Gruppe sein kann, unterstreicht Sebastian Kriesel, 27 Jahre, langjähriger ehemaliger 1. Vorstand des Burschenvereins Aubing: „Bei unseren Veranstaltungen, aber auch bei geselligen Zusammentreffen wirkt alleine schon der Respekt der Freunde untereinander. Hier herrscht eine dynamische Gruppenkontrolle. Dadurch werden Ausreißer schon vorher verhindert, bevor es schlimm endet. Alkohol zu konsumieren ist ja kein Problem, aber der alte Spruch ‚in Maßen, nicht in Massen’ trifft zu und sollte immer beherzigt werden.“ Und sein Amtsnachfolger, der jetzige 1. Vorsitzende, Maximilian Malterer (22 Jahre) ergänzt:„Der Burschenverein ist selbst Veranstalter von Festen mit bis zu 1000 Besuchern. Bei uns kommen Familien mit kleinen Kindern bis hin zu Senioren. Den größten Anteil bilden aber die 16- bis 30-Jährigen. Zu den geselligen Festen gehören alkoholische Getränke mit dazu. Wir wollen als Veranstalter aber weder bei unseren Mitgliedern noch unseren Gästen übermäßigen Alkoholkonsum fördern. Bei den Einlasskontrollen führen wir immer auch Alterskontrollen durch. So werden unter 18-Jährige mit speziellen, farblich gekennzeichneten Bändern versehen, die ihnen keinen bzw. nur beschränkten Kauf von Alkohol ermöglichen. Natürlich stellen wir auch fest, dass manch einer zu tief ins Glas schaut. Hier zögern wir aber nicht und verweigern die weitere Abgabe von alkoholischen Getränken.“

Problem liegt in der Verlagerung

Dass feste Gemeinschaften das Thema Alkohol weitgehend unter Kontrolle haben, bestätigt auch Michael Franke, der 1. Vorsitzende der FT Gern: „Aus meiner Sicht hat sich das Thema Alkohol im Sportverein durchaus positiv entwickelt. Gerade die Wahrnehmung des Problems Alkohol führte in den letzten Jahren zu deutlich positiven Veränderungen, speziell im Umgang mit Jugendlichen. Das größte Problem liegt daher weniger bei den Institutionen, sondern eher in die Verlagerung des Themas in den privaten Bereich. Gesamtgesellschaftlich muss weiter versucht werden, alle Bereiche für dieses Thema zu sensibilisieren, was natürlich schwer ist, weil Alkohol in unserer Kultur einen tief verwurzelten Platz inne hat. Vorrangig sehe ich die Aufklärung von Kindern und Eltern im Mittelpunkt. Es geht ja nicht darum, den Alkohol zu verteufeln oder zu verbieten, sondern den vernünftigen Umgang damit zu lernen. Und dazu braucht es Vorbilder aus dem direkten Umfeld. Es wird also entscheidend sein, ob es uns gelingt, Eltern oder in unserem Fall auch Trainer dazu zu bringen, einen vernünftigen Umgang mit Alkohol vorzuleben. Denn eines steht fest: Mit Verboten ist dieses Problem nicht zu lösen.“

Ähnlich sieht das auch Wolfgang Rieger, Leiter der Fachambulanz für junge Suchtkranke der Caritas in der Dachauer Straße 29. Verantwortungsvolle Eltern geraten leicht in Panik, wenn ihre Kinder nach Feiern mit Gleichaltrigen ihren ersten Rausch nach Hause bringen oder wenn sie bei Schulfreizeiten durch unmäßigen Alkholgenuss auffällig werden. In solchen Situationen über zu reagieren und den Alkohol in Bausch und Bogen zu verdammen, sei jedoch kontraproduktiv, erklärt er. Eltern sollten bei aller berechtigten Sorge keinen Kampf gegen den Alkohol führen, weil junge Leute das als Kampf gegen sie verstehen könnten.“ Wichtig und richtig sei es, zu „einem kritischen, konstruktiven Dialog” zu kommen: „Das schützt davor, wirklich abhängig zu werden.“ Rieger und sein Team machen besorgten Eltern Mut: „Es gibt Wege, aus der Panik herauszukommen.“ In 75 Prozent aller Fälle sei es ihnen gelungen, das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern zu verbessern. Im vorigen Jahr suchten 126 Eltern bei der Beratungsstelle Hilfe. 197 Jugendlichen im Alter zwischen 12 und 23 Jahren standen die Mitarbeiter zur Seite.

Exzessives Trinken im frühen Alter

Der 54-jährige Wolfgang Rieger leitet die Einrichtung für junge Suchtkranke seit 30 Jahren. Nach seinen Erfahrungen hat die Zahl der Jugendlichen, die ein Problem mit dem Alkohol haben, nicht zugenommen. Allerdings: „Es gibt mehr Jugendliche, die im frühen Alter phasenweise exzessiv trinken.“ Im Alter zwischen 12 und 16 Jahren passiere das häufig wegen des Gruppendrucks. Besonders beliebt, so Rieger, seien Wodka-Mix-Getränke. Besorgnis erregend findet der Suchtexperte, dass junge Leute ohne Schwierigkeiten an „Stoff” gelangen können, obwohl der Verkauf von Alkohol an Minderjährige gesetzlich verboten ist. Rieger und sein Team kommen immer dann ins Spiel, wenn Eltern nicht mehr weiter wissen. Über die Schule, ein Krankenhaus oder das Jugendgericht erfahren sie, dass die Kinder durch exzessiven Alkoholkonsum aufgefallen sind. Für einige Medien ist das sogenannte Komasaufen ein zwar gruseliges und deshalb Auflagen steigerndes Thema. Die Zeiten im schwierigen Umbruch der Pubertät gut zu überstehen und den Heranwachsenden zu helfen, ein auf Dauer selbständiges und gesundes Leben zu führen, sei das Ziel der Eltern- und Jugendarbeit, so Rieger. Es gehe nicht um ein „Nie wieder Alkohol“. Denn das könne sich ins Gegenteil verkehren. Rieger: „Die Kinder registrieren instinktiv: ‘Ich bekomme viel Aufmerksamkeit, wenn ich Alkohol trinke’.“ Der 54-Jährige ermutigt die Eltern vielmehr dazu, bei aller Sorge den Blick auf „das Gelingende“ zu richten. Also auf das, was die Kinder gut machen. Rieger hat erlebt: „Den Eltern fällt dann oft ein Stein vom Herzen.“ Sie sähen plötzlich wie viel Positives in ihrem Nachwuchs stecke. Ihre Haltung den Kindern gegenüber habe sich gewandelt, während die ihr Verhalten keineswegs stark verändert hätten.

Offene Eltern-Sprechstunde

Die Fachambulanz für junge Suchtkranke in der Dachauer Straße 29 bietet an jedem Montag um 17 Uhr, eine offene Sprechstunde für Eltern an. Die können dann mit den Beratern klären, wie sie den Kindern dabei helfen können, nicht abhängig zu werden. Bei einem solchen Eltern-Coaching sei es nicht notwendig, dass die jungen Leute dabei anwesend seien, betont Rieger. Die Eltern bräuchten einen langen Atem. Etwa ein halbes Jahr müssten sie sich Zeit nehmen. Vier Sozialpädagogen, eine Psychologin, ein Arzt und zwei pädagogische Hilfskräfte sind in der Ambulanz für die Jugendlichen da. Sie motivieren sie dazu, sich für das „Gelingende“ zu öffnen, für ein gutes Gefühl in der Schule oder beim Treffen mit Freunden. Weitere Informationen erhält man unter www.caritas-suchtambulanz.de.

 
Artikelinfo
Ausgabe: Werbe-Spiegel
München West
Woche: 31 - 2010
Autor: red

Bildergalerie

Diese Bildgalerie enthält 6 Bilder.

Artikelkommentare
Kommentar schreiben
Silke M (04.08.10)
ich bin mir sicher, dass es nur mehr auffällt - dadurch dass man alles und überall mim Handy filmen kann und es heutzutage dutzende sensationsgeile Klatschmagazine gibt!

Zu meiner Jugendzeit waren wir auch keine Engel :-)
 
Reiner Leser (04.08.10)
Also ich glaub dass die Kids damals auch schon so viel getrunken haben. Da hats nur a saftige Watschn vom Vater gegeben und dann hat man den Kater mit allen Schikanen "auskosten" dürfen/müssen.
Heute fahren die Betüddel-Muttis ihr Kinder halt gleich ins Krankenhaus. Kein Wunder, dass dann die Statistiken steigen.
Oder wie sieht ihr das?
Verwandte Artikel