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26.07.2011 - 13:36 Uhr
 

"Haben wir nicht alle einen Vater?"

Interreligiöser Dialog in Sendling

Münchner Wochenanzeiger : Verabschiedung von Metin Avci. Professor Eckhard Frick, Andrea Borger, Metin Avci, Roland Wittal und Mehmet Curuk, der Vorsitzende vom Ditim (v.l.n.r.). (Foto: hli)
 
Verabschiedung von Metin Avci. Professor Eckhard Frick, Andrea Borger, Metin Avci, Roland Wittal und Mehmet Curuk, der Vorsitzende vom Ditim (v.l.n.r.). (Foto: hli)
Münchner Wochenanzeiger : Verabschiedung von Metin Avci. Professor Eckhard Frick, Mehmet Curuk, der Vorsitzende vom Ditim, Metin Avci, Andrea Borger und Roland Wittal  (v.l.n.r.). (Foto: hli)
 
Verabschiedung von Metin Avci. Professor Eckhard Frick, Mehmet Curuk, der Vorsitzende vom Ditim, Metin Avci, Andrea Borger und Roland Wittal (v.l.n.r.). (Foto: hli)

"Ich bin traurig, dass ich euch verlassen muss", sagt Metin Avci. "Wir sind uns achtungsvoll begegnet", sagt Andrea Borger. "Ich bin sehr froh, dass wir uns kennengelernt haben", sagt Roland Wittal. "Ich werde euch vermissen", sagt Metin Avci.

Andrea Borger, Roland Wittal und Metin Avci, das sind drei Menschen, die sich mögen und respektieren. Das besondere daran: Wittal ist katholisch und Diakon in St. Korbinian. Borger ist evangelisch und Dekanin in der Himmelfahrtskirche. Avci ist islamisch und war fünf Jahre lang als Imam im Türkisch-Islamischen Kulturzentrum Ditim, Schanzenbachstr. 2, tätig. Doch seine Zeit ist vorbei, nach dem Ramadan kehrt er zurück in seine Heimat Türkei. Der Abschied fällt allen schwer. Gemeinsam kämpften die drei Vertreter verschiedener Religionen für die Moschee am Gotzinger Platz. "Die Moschee neben der Kirche hätte das Miteinander der Religionen symbolisiert", meint der Imam traurig. "Es wären keine Fronten und kein Gegeneinander gewesen, sondern die Kirche und Moschee hätten nebeneinander gestanden." Doch obwohl es keine Moschee gibt, sind alle dankbar, dass sie sich wenigstens durch den geplanten Bau kennengelernt haben. "Wir haben auch ein Gebäude gebaut. Eines, das man nicht sieht", findet Deniz Tekin, ein Gemeindemitglied von Ditim.

Borger und Wittal überreichen Avci kleine Abschiedsgeschenke. Es sind Dinge, die den Imam an die verschiedenen Religionen erinnern sollen. Professor Eckhard Frick, Pater und Leiter der Jesuitengemeinschaft, hat zusammen mit Avci ein Buch geschrieben. Auch er ist traurig, dass der Imam Deutschland verlässt. Für die gemeinsame Arbeit an dem Buch ist er dankbar.

Andrea Borger, Roland Wittal und Metin Avci sind ein Vorbild für einen gelungenen interreligiösen Dialog. Muslime kamen in die katholische und evangelische Kirche zur Besichtigung. Im Gegenzug lud die muslimische Gemeinde die anderen beiden Religionen regelmäßig zum Fastenbrechen ein. Sie veranstalteten interreligiöse Feste, ein bayerisch-türkisches Folklore-Fest und Handarbeitsabende für Frauen der drei Religionen. Borger, Wittal und Avci haben verstanden, dass sie sich in ihrem Denken gar nicht so fern sind. "Haben wir nicht alle einen Vater? Hat uns nicht ein Gott erschaffen? Warum verachten wir denn einander?", zitiert Borger eine Stelle aus der Bibel. Wittal ergänzt: "In unseren ersten Gesprächen habe ich erkannt. Wir sorgen uns um ähnliche Dinge. Unser Ziel ist es, dass es unseren Gemeindemitgliedern gut geht. Dabei suchen die muslimischen Bürger genauso nach einer Heimat, wie das Menschen tun, die schon länger hier leben." Doch der Weg war nicht immer einfach. Roland Wittal bekam das in seiner Gemeinde deutlich zu spüren. "Als ich mich für das Moschee-Projekt aussprach, wurde ich als Muslimen-Diakon bezeichnet. Man sagte mir, die Befürwortung der Moschee sei ein Verrat am christlichen Glauben. Andere sagten, wenn ich Christ sei und es ernst nähme mit der Nächstenliebe, dann könne ich nicht gegen das Projekt sein." Als Diakon musste Wittal seine Gemeinde zusammenhalten. Keine einfache Aufgabe in dieser Zeit. Trotzdem hat er gelernt: "Wir müssen weg von diesem Schwarz-Weiß-Denken."

Die drei Glaubensvertreter haben es vorgemacht. Sie verstehen sich, reden über ihre Religion und entdecken immer wieder Gemeinsamkeiten. Sie respektieren die Religionen der anderen und akzeptieren diese. Nur so kann eine friedliche Zukunft aussehen. "Irgendwann müsst ihr mich mal in der Türkei besuchen kommen", fordert Avci die anderen auf. Zwar ist seine Zeit in München zu Ende, doch aus den Augen werden sich der Diakon, die Dekanin und der Imam nicht verlieren.

 
Artikelinfo
Ausgabe: Sendlinger Anzeiger
Sendling
Woche: 30 - 2011
Autor: hli
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